Wörterbuchartikelschreibung

Wörterbuchartikelschreibung

Konzeption

Das Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ) blickt auf eine lange Geschichte zurück, in deren Verlauf es immer wieder konzeptionelle Veränderungen durchlaufen und Neuerungen erfahren hat, wobei das ursprüngliche Ziel des Projekts bis heute beibehalten wurde: die Dokumentation und wissenschaftliche Erforschung der reichhaltigen Lexik des Bairischen in Österreich und Südtirol.

Im Hinblick auf die lexikographische Arbeit wurde eine Modernisierung und Vereinheitlichung des Aufbaus der Wörterbuchartikel angestrebt. Diese gewährleistet nicht nur eine bessere Lesbarkeit und Benutzerfreundlichkeit, sondern auch eine konsistente Struktur der Wörterbucheinträge. Darüber hinaus werden die Artikel online veröffentlicht, was ihre Zugänglichkeit gewährleistet. Auf diese Weise können die Wörterbuchartikel mit den zugrunde liegenden Daten verknüpft werden, wodurch eine tiefere und umfassendere Einsicht in die sprachlichen Zusammenhänge gewährleistet wird.

Im Wesentlichen werden die Daten in zwei unterschiedlichen Artikeltypen, die auf der Basis von mindestens 10 Belegen fußen, dargestellt.:

1.    Grundlagenartikel: Diese beinhalten alle qualitativ ausgewerteten Daten aus dem Bearbeitungsgebiet. Darüber hinaus erhält der/die Nutzer*in Informationen zum Lemmaansatz, der Wortart, der Etymologie und den wesentlichen Grundbedeutungen des Wortes. Auf diese Weise werden sämtliche Lemmata einer Strecke mitsamt der zugrundeliegenden Daten zur Verfügung gestellt. Unabhängig davon, ob es die Wörter auch in der Standardsprache gibt. Die Nutzer*innen bekommen alle wesentlichen Informationen zu dem Lemma und können sich anhand des zugrundeliegenden Datenmaterials weiter informieren. Diese Artikel können weiter ausgearbeitet werden zu einem

2.    Vollartikel: Dieser beinhaltet neben den bereits genannten Informationen auch noch Angaben zum Verbreitungsgebiet, einen Lautungskommentar und eine vollumfänglich ausgearbeitete Bedeutungsangabe inklusive aller Wortbildungen und Redewendungen auf Grundlage der Datenquellen. Bevorzugt werden jene Lemmata zu Vollartikel ausgearbeitet, die in standardsprachlichen Referenzwerken nicht angeführt werden und die auch in anderen vergleichbaren Wörterbüchern nicht vorkommen.

 

 

 

Grundlagenartikel

 

Vollartikel

Lemmaansatz

ü

ü

Grammatische Information

ü

ü

Verbreitungsgebiet

 

ü

Etymologie

ü

ü

Lautung

 

ü

Grundbedeutungen

ü

 

Bedeutungsangabe

 

ü

Wortbildung

 

ü

Redewendungen

 

ü

 

Weiters wurden Maßnahmen zur Straffung und Beschleunigung des lexikographischen Arbeitsprozesses implementiert. Diese Schritte tragen dazu bei, dass die wissenschaftliche Aufbereitung der bairischen Lexik effizienter und produktiver gestaltet wird, ohne dabei die hohe Qualität und Genauigkeit der Dokumentation zu beeinträchtigen.

Die konzeptionellen Grundlagen und Änderungen in der lexikographischen Arbeit, die einerseits die Artikel leserfreundlicher machen und andererseits für mehr Effizienz sorgen, umfassen insbesondere folgende Punkte:

eine vereinfachte, an der Standardsprache orientierte Lemmatisierung.

eine einheitliche Artikelstruktur für alle Lemmata

Kürzungen bei den Angaben zur Etymologie

weitestgehender Verzicht auf Angaben zu Brauchtum, Aberglaube etc.

großräumigere Angaben zur geographischen Verbreitung (außer bei den Lautungsbelegen und den Belegsätzen)

Änderungen bei den Angaben zur Wortbildung: Ableitungen und Komposita werden nur in den Artikel aufgenommen, wenn auch eine Bedeutung angegeben werden kann

ein eigenes Feld für alle Redewendungen zu einem Lemma

 

 

Die einzelnen Teile im Überblick:

Artikelstruktur

Wesentliche Grundlage aller Wörterbuchartikel ist eine vereinheitlichte Artikelstruktur, d. h. allen Artikeln liegt die gleiche Struktur zugrunde. Die einzelnen Artikelpositionen werden im Folgenden im Detail beschrieben. 

 

1. Artikelkopf

Lemma-Ansatz

Bei der Wahl des jeweiligen Stichwortes verfolgt das Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ) einen standardsprachlichen Lemma-Ansatz. (Dialektale Varianten wie Stoan/Stān oder hoaß/hāß werden dementsprechend mit den standardsprachlichen Äquivalenten Stein bzw. heiß angesetzt.) Existiert zu einem Lemma eine gemeindeutsche Entsprechung in der Standardsprache, so wird diese als Lemma gewählt. Zur Überprüfung werden einschlägige Wörterbücher wie der Duden, das Österreichische Wörterbuch (ÖWB), das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) sowie das Variantenwörterbuch des Deutschen (VWB) und Österreichisches Deutsch von Jakob Ebner herangezogen.

Existiert keine standardsprachliche Entsprechung zu einem Lemma, wird eine historisch-etymologische Entsprechung konstruiert, die in dieser Form auch in der heutigen Standardsprache vorkommen könnte. Dialektale Varianten wie Foam oder Fām werden dementsprechend unter dem Stichwort Feim lemmatisiert.

Feminina, die im Bairischen im Nominativ Singular häufig endungslos erscheinen bzw. auf -en enden, werden immer mit der standardsprachlichen Entsprechung lemmatisiert (z. B. fā͂õ als Fahneflǫšn als Flasche). Fehlt eine solche standardsprachliche Entsprechung, wird eine nach standardsprachlichen Regeln konstruierte Form mit auslautendem -e gewählt (z. B. frę̄dn als Frettefęɒgŋ̥ als Fege).

Die Orientierung an der Standardsprache gilt auch für Suffigierungen. Auf -ing auslautende dialektale Formen (z. B. Fechsing) werden dementsprechend mit -ung lemmatisiert (Fechsung). Adjektive, deren Endung auf mhd. -echt zurückgeht und die dialektal auf -ɐt auslauten, werden als -ert wiedergegeben, da dieses Suffix v. a. im süddeutschen Raum auch in Standardtexten vorkommt (z. B. deppertfarbertschlampert).

Grundsätzlich gilt, dass der Lemmaansatz so kurz wie möglich gehalten wird, d. h. in der Regel wird ein Lemma angegeben. Existieren zwei Varianten gleichberechtigt nebeneinander, werden beide in den Lemmaansatz aufgenommen (z. B. fert, ferten; Fack, Facke).

Grammatische Information

Angegeben wird jeweils die Wortart (Substantiv, Verb, Adjektiv, Adverb, Präposition, Pronomen, Partikel), dahinter Informationen zum Genus bzw. dem Flexionstyp. Sollten mehrere Genera oder Flexionstypen auftreten, wird der in der Datenbank am häufigsten belegte Typ erstgereiht, der seltenste letztgereiht. Es werden keine Angaben zur Frequenz (meist, oft, seltener, auch usw.) gemacht, da dafür die Beleglage oft nicht aussagekräftig genug ist. Selbiges gilt für die Formen der stark, schwach und gemischt flektierenden Verben.

Sonderfälle

Diminuierungen, movierte Formen (d. h. geschlechtsspezifische Ableitungen wie etwa Fasserin zum Lemma Fasser) und (in Auswahl) Kurzformen stellen Sonderfälle dar. Da diese oft nicht in den Bereich Wortbildung (s. u.) passen bzw. oft auch dieselbe Bedeutung haben wie die Simplizia, werden sie ebenfalls in den Artikelkopf aufgenommen. Zusätzlich werden die diminuierten Formen und Kurzformen mit der Information (Diminutiv) bzw. (Kurzwort) markiert, darüber hinaus wird auch das Genus angegeben. Folgende Diminutivformen können aufgenommen werden:

-el – für alle Diminutiva auf -el und synkopiertem -l (z. B. Fäckel)

-elein – für die Endungen -ele und -le (v. a. im Südbairischen) (z. B. Fäckelein)

-erl – für die Endungen -al, -erl, -ai (z. B. Fäckerl)

-i – für die Endung -i, meist kindersprachlich (z. B. Fäcki)

Daneben gibt es andere Diminuierungen (z. B. -tsch-Einschub), die einer spezifischen Bedeutung zugeordnet werden müssen. Sie werden ebenfalls in die grammatische Angabe aufgenommen (z. B. Fätscherl und Fätschi im Artikel Farch).

Kurzformen werden nur dann in den Artikel aufgenommen, wenn die Beleglage nicht ausreichend für einen eigenen Artikel ist, sie aber aus der Sicht der Schreiberin/des Schreibers eine wichtige zusätzliche Information darstellen. Ein Beispiel dafür wäre die Kurzform Foto, die wie das entsprechende Lemma Fotografie im Femininum belegt ist.

Unterschiede zwischen Wörterbuchartikeln und Datenbank

Da die Belegsammlung nach einem historisch-etymologischen Ansatz lemmatisiert wurde, dem Wörterbuch in der Neukonzeption jedoch ein an der Standardsprache orientierter Lemmaansatz zugrunde liegt, unterscheiden sich die Lemmata in vielen Fällen voneinander. Das in der Belegsammlung als Fanílle angeführte Lemma erscheint im Wörterbuch unter dem standardsprachlichen Stichwort Vanille, das Lexem Fackse wird im Artikel Faxe behandelt. Daraus folgt auch, dass in die bereits abgeschlossene Artikelstrecke zum Buchstaben F Lemmata aufgenommen werden, die mit <f>, <v> oder <ph> beginnen.

 

2. Verbreitung

Dieses Feld gibt die Gesamtverbreitung eines Lemmas auf der Ebene der sogenannten „Großregionen“ des WBÖ-Bearbeitungsgebiets wieder. Es werden dafür alle Belege für das jeweilige Lemma (sowohl Simplizia als auch Komposita oder Derivationen) aufgenommen, unabhängig davon, ob Angaben zur Lautung oder zur Bedeutung in den Artikel einfließen (bzw. überhaupt vorhanden sind). Die gesonderte Angabe der Gesamtverbreitung ist dadurch motiviert, dass es immer wieder Belege gibt, die unzureichende semantische Informationen enthalten und deren Lautung schlecht bzw. gar nicht transkribiert ist und die somit weder in den Bedeutungs- noch in den Lautungsteil des Artikels Eingang finden. Damit die wertvolle Information über das Vorkommen des betreffenden Lemmas an einem bestimmten Ort bzw. in einer bestimmten Region nicht verloren geht, werden die Belege in das Feld Verbreitung mit aufgenommen. Die geographischen Angaben in diesem Feld sind daher nicht notwendigerweise deckungsgleich mit den Orts- und Regionenangaben in den anderen Artikelpositionen, sondern in vielen Fällen umfassender.

Zur Darstellung der Regionen: Sind alle Großregionen eines Bundeslandes belegt (z. B. Mostv., Industriev., Waldv., Weinv.), wird das jeweilige Bundesland angeführt (NÖ). Großregionen innerhalb eines Bundeslandes werden durch Beistrich getrennt (Mostv., Waldv.), zwischen den Bundesländern bzw. Großregionen verschiedener Bundesländer wird jeweils ein Strichpunkt gesetzt (Mühlv.; Mostv.).

 

3. Lautung

Das Feld Lautung umfasst sowohl einen Überblick, in dem die wichtigsten lautlichen Verhältnisse zusammengefasst, sprachhistorisch eingeordnet und sprachgeographisch dargestellt werden, als auch eine repräsentative Auswahl an Belegen aus dem Datenmaterial.

Gemäß dem empirischen Zugang der lexikographischen Neukonzeption beruht die Überblicksdarstellung auf den Lautungsbelegen im Datenmaterial, d. h. es werden nur Aussagen zu Regionen getroffen, für die auch entsprechende Belege vorhanden sind. Für die Interpretation der Daten sowie deren Einordnung in die lautlichen bzw. lautgeschichtlichen Verhältnisse wird auf entsprechende Literatur zurückgegriffen (insbesondere Kranzmayer 1956), die Darstellung der verschiedenen Lautungen erfolgt anhand von Leitformen in einer vereinheitlichten Teuthonista-Transkription, wobei sich die Konventionen der Verschriftlichung an den bisher erschienenen WBÖ-Bänden orientieren.

Für die Buchstabenstrecke F enthalten die Artikel zusätzlich eine Belegauswahl, die allerdings ab dem Buchstaben G entfällt. Diese Belegauswahl enthält Lautungsvarianten aus dem Datenmaterial, wobei keine Formen konstruiert, sondern ausschließlich gut transkribierte Originalbelege ausgewählt und aufgenommen werden. Kriterium für die Aufnahme eines Belegs ist neben der Quelle (eher Sammlerbelege und Dissertationen als Wörterbücher) eine möglichst korrekte Verwendung von Lautzeichen. Belege, die mit Di- und Trigraphen realisiert wurden (z. B. chsch), werden dabei nach Möglichkeit nicht berücksichtigt, ebenso wenig Belege, in denen Zeichen aus der Orthographie übernommen wurden, die für Lautkombinationen stehen (können) (z. B. x in Faxe). Es wird darauf geachtet, dass die Belege möglichst repräsentativ sind und im Idealfall das gesamte Gebiet abdecken, in dem ein Lemma verbreitet ist. Aufgrund der Beleglage kann es jedoch vorkommen, dass ein Lemma in mehreren Teilen des Bearbeitungsgebiets belegt ist, die Lautbelege aber nur für einen kleinen Teil dieses Gebietes aufgeführt werden können.

Grundsätzlich gilt, dass die Belege genauso in die Artikel übernommen werden, wie sie in der Datenbank (bzw. auf den Handzetteln) erscheinen. Als Ausnahme gilt lediglich, dass nur Kleinbuchstaben verwendet werden (d. h. Flōudɐ wird als flōudɐ wiedergegeben).

Belege aus Komposita werden ebenfalls übernommen, wobei nur das Grundwort angegeben wird und das fehlende Erstglied durch einen Bindestrich markiert wird (z. B. wird im Artikel schwerfällig der Lautungsbeleg schweãfölė als fölė angeführt). Analog verfahren wir mit Präfixen und Artikeln.

Flektierte Formen und Partizipien (sofern es sich nicht um den Nominativ Singular oder Infinitiv handelt) werden so aufgeführt, wie sie in den Daten erscheinen. Die grammatische Information wird in einer eckigen Klammer angegeben (z. B. fȏarăd [Part. I], gfǭrn [Part. II], få̄št [flekt.]. fǫrat [flekt.], fǫɒt̄t̄n [Pl.]. Auf die gleiche Weise werden diminuierte Formen markiert (z. B. fārtl [Dim.]).

Da die LexikographInnen Belege zitieren und keine Formen konstruieren, wird jeweils die kleinstmögliche regionale Einheit (i. d. R. die Gemeinde) gemeinsam mit der Großregion angegeben. Es werden jedoch keine Angaben zur Autorin bzw. zum Autor gemacht, wenn ein Beleg aus einer Publikation stammt.

Bsp.: flōudɐ (Paternion, MKtn.)

 

4. Etymologie

In diesem Feld werden die wichtigsten etymologischen Informationen angegeben, wobei die Nachschlagewerke von Friedrich Kluge (Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache), Wolfgang Pfeifer (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen) und Matthias Lexer (Mittelhochdeutsches Handwörterbuch) als wesentliche Informationsquellen dienen. In Bezug auf das Deutsche wird chronologisch auf die verschiedenen Sprachstufen eingegangen (angefangen beim Althochdeutschen). Bei Entlehnungen wird umgekehrt verfahren, d. h. es wird zuerst die Sprache bzw. Sprachstufe genannt, aus der ins Deutsche entlehnt wurde (z. B. Italienisch), danach ältere Sprachen bzw. Sprachstufen (z. B. Latein).

Handelt es sich bei einem Lemma um eine Ableitung von einem anderen Lemma, das in einem separaten Artikel inkl. Etymologie behandelt wird, erfolgt keine Angabe zur Etymologie, sondern es wird auf das Ursprungslemma bzw. den zugehörigen Artikel verwiesen.

Bsp.: Lemma Fertiger: Ableitung von →fertigen

Mehrere Bedeutungsangaben werden (wie auch im Bedeutungsblock, s. u.) stets durch ein Semikolon getrennt, auch wenn im Original ein Beistrich steht (z. B. Lemma Feier: ahd. fīra 'Feiertag; Fest').

 

5. Bedeutung

a. Grundbedeutung (bei Grundlagenartikeln)

Bei den Grundbedeutungen der Grundlagenartikel wird ein kurzer Überblick gegeben, welche Bedeutungen gehäuft bei den Simplex-Belegen vorkommen. Diese sollen auch Rückschlüsse dazu liefern, wie sich die Etymologie des Wortes seither entwickelt hat. Auf weitere Wortbildungen oder Redewendungen in Zusammenhang mit besagtem Lemma wird jedoch verzichtet. Alle weiteren Informationen sind in den mit dem Lemma verknüpften Datenmaterialien zu finden.

b. Bedeutungsangaben (bei Vollartikeln)

Bei der Angabe der Bedeutungen orientiert sich das WBÖ sehr stark an der Datenbank. Bedeutungen sollen nicht zu sehr zusammengefasst oder verallgemeinert werden, Feindifferenzierungen bleiben (großteils) beibehalten. Als Vergleich wird jedoch immer der Duden oder das DWDS herangezogen, da dort viele Bedeutungserläuterungen zu finden sind.

Die Nummerierung erfolgt nach dem folgenden Schema:

römische Ziffer. arabische Ziffer. lateinischer Kleinbuchstabe) griechischer Kleinbuchstabe)

Bsp.: III. 2. a) γ)

Die römischen Ziffern stellen Bedeutungsblöcke dar, innerhalb derer feiner differenziert wird. Sind die verschiedenen Bedeutungen eines Lemmas einander sehr ähnlich, wird auf die römischen Ziffern verzichtet und stattdessen gleich mit arabischen Ziffern begonnen.

Was die Reihenfolge der Bedeutungen betrifft, gilt der Grundsatz, dass zuerst die Bedeutung angegeben wird, die der Etymologie am nächsten steht. Innerhalb der einzelnen (durch römische Ziffern markierten) Bedeutungsblöcke wird vom Allgemeinen zum Speziellen gegangen, auch wenn eine spezielle Bedeutung näher an der Etymologie steht als eine allgemeine (vgl. z. B. das Lemma fuchteln).

Die Bedeutungserläuterungen führen immer die kürzeste und offensichtlichste Bedeutung zuerst an. Einzelne Bedeutungen werden mit einem einfachen Semikolon getrennt (siehe auch Etymologie), Beistriche werden nur bei Relativsätzen und elliptischen Konstruktionen gesetzt (z. B. Heuernter: 'Person, die bei der Heuernte hilft'). Auf gegenderte Formen wird nach Möglichkeit verzichtet, dafür werden genderneutrale Formen verwendet (z. B. Person statt Mann oder Frau).

Bedeutungsangaben, deren Quellen nur unzureichende bzw. unklare Informationen liefern und die deshalb nicht eindeutig interpretierbar sind, werden zusätzlich in doppelte Anführungszeichen gesetzt (z. B. Föhn '„übler Wind“'). Bedeutungsangaben, die sich auf den Verwendungskontext des jeweiligen Wortes beziehen, werden nicht in Anführungszeichen gesetzt, sondern mit Sperrung der Schrift angezeigt (z. B. Funse Schimpfwort für einen (vermeintlich dummen) Menschen). Wenn notwendig und in den Quellen explizit angegeben, wird jede Bedeutungsangabe auch hinsichtlich ihrer Stil- und Normebene bewertet (z. B. Farze 'Posaune' (abwertend); Fisch 'Messer' (gaunersprachlich)).

In manchen Fällen finden sich im Datenmaterial Formen von Sprachgebrauch, die aus heutiger Sicht als unangemessen oder diskriminierend bewertet werden müssen. Häufig richtet sich dieser Sprachgebrauch gegen ethnische, religiöse oder politische Minderheiten, in vielen Fällen auch gegen Frauen. Entsprechende Stellen werden im Artikel mit dem Zusatz [pejorativ] markiert (z. B. wie ein Schinder/Schwärzer/Zigeuner fahren 'schnell, wild, ungestüm fahren' [pejorativ]).

Im Idealfall wird zu jeder Bedeutung (mindestens) ein Belegsatz angeführt, es können jedoch auch mehrere Belegsätze angeführt werden, wenn sich diese in Bezug auf die grammatische Konstruktion unterscheiden (z. B. Sg. vs. Pl.; attributiv vs. adverbial) oder wenn sie den Verwendungskontext verdeutlichen. Bei den Belegsätzen werden – wie auch bei den Lautungsbelegen – genaue Angaben zur regionalen Herkunft gemacht, d. h. unter Angabe der Gemeinde (wenn möglich) und der Großregion. Stammen Belegsätze nicht von Sammlerinnen oder Sammlern, sondern aus Publikationen, so wird zusätzlich die Quelle genau zitiert.

Bsp.: tuǝt si pǫlt fakχlɒ? (Insam 1954: 70; Serfaus, wNTir.)

Stammen zwei Belegsätze aus der gleichen Gemeinde, wird die regionale Zuordnung doppelt angeführt.

Bsp.: sė dǫən fęəchtėguŋ fǫərn (Eggelsberg, Innv.), sė hąmd fęəchtėguŋ gfǫən (Eggelsberg, Innv.)

 

6. Wortbildung

Dieser Block umfasst sowohl Komposita als auch Partikel- und Präfixwörter, die das Simplex als Grundwort bzw. Basis (und nicht als Bestimmungswort) haben. Das Kompositum Maulfrette beispielsweise erscheint im WBÖ also als Bestandteil des Artikels Frette. Wenn im Artikelkopf mehrere Lemmaansätze belegt sind, aber im Wortbildungsteil nur ein Ansatz enthalten ist, wird nur jener Ansatz gewählt, der auch in den Daten belegt ist. Beim Artikel Fack, Facke ist das Kompositum Greinfacke nur in einer Form belegt, es wird demnach nur der belegte Ansatz verwendet.

Partizipien, die adjektivisch verwendet werden und sich semantisch nicht zu weit von der Grundbedeutung des Verbs abgespalten haben, werden ebenfalls in den Wortbildungsteil des Verbs aufgenommen. Sie werden zusätzlich mit (adjektivisches Part. II) markiert.

Bsp.: zerfieseln (adjektivisches Part. II) 'schlecht geschnitten (z. B. Haare)' Innv. – Danė Hå̄r hānd awǝ zsfisld (Peterskirchen, Innv.)

 

7. Redewendungen

Im Feld Redewendungen werden idiomatische Wendungen wie Sprichwörter oder Sprüche aufgenommen, die das entsprechende Lemma enthalten. Redewendungen werden nur aufgenommen, wenn sie in einer dialektal transkribierten Form vorliegen. Ebenso muss nachvollziehbar sein, um welche Bedeutung es sich handelt, und zusätzlich müssen sie regional verortbar sein. Die Wortfolge orientiert sich an der Vorlage, syntaktische Konstruktionen, die in der Standardsprache ungebräuchlich oder ungrammatisch sind, werden jedoch korrigiert (z. B. er gibt ihr’s → er gibt es ihr).

In das Feld Redewendungen fallen auch Phrasen wie bluten (als) wie ein Fack 'sehr stark bluten'. Diese werden in ihrer Funktion nicht näher bestimmt, aber mit einer Bedeutungserläuterung versehen. Daneben werden Sprichwörter aufgenommen, die häufig eine übertragene Bedeutung haben und ebenfalls eine Bedeutungserläuterung erhalten.

Bsp.: Kinder und Fäckel haben alleweil leere Säckel  'Kinder und kleine Schweine haben immer Hunger und wollen immer noch etwas zu essen haben' (Sprichwort) mNTir., öNTir.; Ktn.; Innv.; Wien – Khīnɐr und fakė hąmd oėwaė lārė sakė (Eggelsberg, Innv.)

Des Weiteren gibt es auch Sprüche, die einen formelhaften Charakter besitzen und in bestimmten Kontexten verwendet werden. Eine Bedeutungserläuterung fällt in diesem Fall weg.

Bsp.: Beinfraß ich tue dich abbinden, Beinfraß du musst verschwinden, im Namen Gottes Vaters und des Sohns und des heiligen Geistes Amen Heilspruch Mühlv. – Boãñfrås i tuə di åbind'n / Boãñfrås du muəst faschwind'n / ön Nåmen Gottas Våtas und des Suns und des heiling Geist Amen (Pabneukirchen, Mühlv.)

Weitere Beispiele für Sprüche sind: Segensspruch, Spottspruch, Kinderspruch, Heiratsspruch, Jägerspruch, Trinkspruch etc.

 

Straffung

Bereits in der Vergangenheit hat es bei der Artikelschreibung des WBÖ Straffungen (bzw. Pläne dazu) im lexikographischen Arbeitsprozess gegeben, um die Publikationsgeschwindigkeit der Wörterbuchartikel zu erhöhen und die Arbeitsschritte zu optimieren. Im Zuge der Neuaufstellung des Projekts im Jahr 2016 an der Forschungsabteilung Sprachwissenschaft wurden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die lexikographische Arbeit effizienter zu gestalten und damit das Wörterbucht nach mehr als einhundertjähriger Laufzeit in absehbarer Zeit abzuschließen. Das neu entwickelte und konsequent umgesetzte Straffungskonzept beinhaltet Einschränkungen des ursprünglichen Bearbeitungsgebietes, des abgebildeten Zeitraums sowie der generellen Aufnahmekriterien von Lemmata.

Bearbeitungsgebiet: Während das Bearbeitungsgebiet nach der ursprünglichen Konzeption den gesamten bairischen Sprachraum abdecken sollte – inkl. Gebiete wie Südböhmen, Südmähren oder einige bairische Sprachinseln – beschränken sich die neu verfassten Artikel auf Österreich (ohne das alemannische Vorarlberg) und Südtirol. Belege, die durch dieses Straffungskonzept keine Berücksichtigung in den Artikel finden können, sind aber dennoch über die Belegdatenbank auf LIÖ einsehbar.

Zeitraum: Wie bereits in früheren Straffungskonzepten angedacht, werden historische Belege aus Quellen vor 1860 zunächst nicht mehr in der Neukonzeption der WBÖ-Artikel berücksichtigt. Die Artikel basieren damit v. a. auf den eigens für das WBÖ gesammelten Sprachdaten im 20. Jahrhundert.

Aufnahmekriterien der WBÖ-Lemmata: Im neuen lexikographischen Arbeitsprozess finden nur solche Lemmata Berücksichtigung, zu denen es eine Mindestanzahl von zehn Belegen für den festgelegten Zeitraum ab 1860 aus dem neu definierten Bearbeitungsgebiet gibt. Für Wortbildungen wurde zusätzlich eine Mindestanzahl von zwei Belegen als Kriterium für die Aufnahme in die Artikel festgelegt. Lemmata (inkl. Wortbildungen) mit weniger Belegen sind jedoch auf LIÖ weiterhin auffindbar.